Mieterportraits

Rendez-vous

Die Sprachgewandten
Rendez-vous No. 3/2018

Gesprächstermin bei Familie Resom an der Signalstrasse 27a, Erlenmatt Ost: Selam Resom sitzt am Esstisch im offenen Koch-Ess-Wohnraum der 3,5-Zimmer-Wohnung, Simon sitzt auf ihrem Schoss. Die andere Hälfte der Familie treffe ich nicht an: Vater Erimias ist bei der Arbeit, der ältere Sohn Batos in der Kita. Beim späteren Fototermin sind dann aber alle hier.

Simon Resom

Simon Resom schaut mich mit grossen Augen an. Er ist neun Monate alt und der Grund, warum seine Eltern sich nach einer grösseren Wohnung umsahen. Als er im Januar 2018 zur Welt kam, wurde es Familie Resom in ihrer Wohnung an der Schönaustrasse zu eng. Dass die vier dann in den Neubau auf der Erlenmatt zogen, liegt aber nicht an ihm, sondern an der Stiftung Habitat und vorallem an Simons Bruder Batos.

Batos Resom

Batos ist stolze fünf Jahre alt und geht nachmittags in eine Kindertagesstätte in der Erlenmatt. Vormittags besucht er den Kindergarten an der Schönaustrasse. Dorthin ging er schon vor dem Umzug. Dass er nicht wechseln musste, war seinen Eltern bei der Wohnungssuche wichtig, denn er hatte sich im Kindergarten gut eingelebt. Vorher war er oft schweigsam und unsicher. «Vermutlich lag das an den vielen Sprachen in seiner Umgebung», erklärt seine Mutter, «aber nun geht er gerne hin und macht gute Fortschritte». In Batos' Umgebung werden Tigrinya, Amharisch, Englisch, Hochdeutsch und Schweizer Mundarten gesprochen. Dass das Redenlernen unter solchen Umständen seine Zeit braucht, überrascht wenig.

Selam Resom

Selam Resom spricht von Haus aus Amharisch. Vor bald zwölf Jahren floh sie alleine aus Äthiopien in die Schweiz. Schritt für Schritt baute sich die damals Fünfzehnjährige hier ein neues Leben auf, lernte Deutsch, besuchte die Schule und absolvierte im Liestaler Altersheim Frenkenbündten eine Lehre als Hotellerieangestellte. Dann lernte sie ihren Mann Erimias kennen. Er stammt aus Eritrea. Seine Muttersprache ist Tigrinya, das Selam zwar versteht, aber nicht gut spricht. «Als Batos zur Welt kam, mussten wir uns entscheiden. Wir wollten nicht, dass er von uns schlechtes Deutsch oder von mir schlechtes Tigrinya lernt. Mein Mann spricht Amharisch wie ein Muttersprachler.» Deshalb reden Resoms zuhause nun Amharisch, hauptsächlich jedenfalls. Ab und zu bringt Batos aus dem Kindergarten einen Brocken Baseldytsch heim und testet dann mit Vorliebe seinen Vater. «Manchmal weiss mein Mann, was es bedeutet, manchmal rät er auch falsch», lacht Selam Resom, die den Dialekt selber recht gut versteht.

 

Nach sieben Jahren in der Schweiz hatte Selam Resom erstmals wieder die Möglichkeit, ihre Heimat zu besuchen. Auf dieser Reise sah sie endlich ihre Mutter wieder. Nach all den Jahren, in denen kein Kontakt möglich war, konnte sie sehen, wie es ihrer Mutter geht, und ihr den ersten Enkel vorstellen. Als Selam Resom mir von dieser Zeit in Addis Abeba erzählt, steht ihr die Trauer ins Gesicht geschrieben, denn ihre Mutter starb wenige Monate danach.


Auf meine Frage, ob sie gerne wieder nach Basel zurückgekehrt sei, antwortet sie ohne zu zögern: «Jaja! Ich habe mein halbes Leben in Äthiopien verbracht, mein halbes hier. Die Schweiz ist jetzt mein Land, hier ist mein neues Leben, und hier haben meine Kinder eine Zukunft. Ausserdem habe ich hier viel gelernt.» Dazu gehört offensichtlich gutes Deutsch – und das kommt auch anderen zugute: Oft hilft sie ihren Freunden und Bekannten beim Verstehen von Dokumenten oder begleitet sie zu Ämtern und anderen Anlaufstellen. Vor ein paar Jahren hatte sie sogar eine Ausbildung zur Dolmetscherin erwogen, aber das lag damals finanziell nicht drin. Wenn Simon etwas älter ist, will Selam Resom wieder auf ihrem Beruf arbeiten. Und – wer weiss? – vielleicht erwirbt sie das Dolmetscherinnendiplom dann ja doch noch.

Erimias Resom

Mittlerweile ist Simon auf dem Arm seiner Mutter eingeschlafen. Selam Resom offeriert mir nochmals etwas von dem Mangosaft, der neben einer fein polierten Schale aus dunklem Holz auf dem Tisch steht. Die Schale hat ihr Mann geschnitzt. Erimias Resom liebt Holz. In seiner Heimat arbeitete er als Schreiner, und wenn sich Gelegenheit bietet, tut er es auch hier. Er kam vor neun Jahren in die Schweiz und spricht mittlerweile auch Deutsch. Trotzdem ist es für ihn auf dem Arbeitsmarkt nicht einfach. Seine Chancen auf eine handwerkliche Festanstellung will er als nächstes mit dem Erwerb des Führerscheins verbessern.

Wohnen mit Blickkontakt

Bevor Selam Resom mir die Wohnung zeigt, deutet sie auf den Massivholztisch, an dem wir noch sitzen. «Vorher hatten wir keinen Platz für einen so grossen Tisch. Jetzt ist er unser Zentrum.» Der grosszügige Koch-Ess-Wohnraum gefällt ihr besonders gut. «In der alten Wohnung war ich in der Küche weg von allen, ganz allein. Das mochte ich nicht.» Hier können alle verschiedenen Beschäftigungen nachgehen und bleiben doch in Sichtweite.

 

Dann zeigt sie mir mit dem schlafenden Simon auf den Armen die Wohnung: das im Vergleich zur Schönaustrasse selbst mit Gitterbett noch geräumige Schlafzimmer, Batos' Kinderzimmer mit einem Spielteppich im Strassenplandesign, den Batos am liebsten auch auf den Spielplatz mitnehmen würde, das Garderobenmöbel, die Einbauschränke und die Lüftungsöffnungen des Minergie-Klimasystems.

Ein Ort zum Danken

Dann öffnet sie eine weitere Tür. «Wir haben beschlossen, ihm ein eigenes Zimmer zu geben», erklärt Selam Resom, und ich verstehe nicht sofort, was sie meint. «Wir haben gedacht, Gott macht alles für uns. Also müssen wir auch etwas für ihn tun.» Ein Zimmer für Gott also, ein Gebetsraum. Resoms sind äthiopisch-orthodoxe Christen. Einmal im Monat gehen sie zum Gottesdienst in der Offenen Kirche Elisabethen, aber hier zuhause beten sie jeden Morgen und Abend und danken Gott. «Für jeden Tag der Woche gibt es bestimmte Bibelabschnitte. Was wir genau lesen und beten, hängt aber davon ab, wie viel Zeit wir haben.»

Eine Wohnung mit Aussicht

Als wir wieder im Koch-Ess-Wohnraum stehen, blickt Selam Resom in Richtung Sitzgruppe und Balkon. «Batos bringt mich oft zum Lachen. Er sitzt dort auf dem Sofa und kommentiert, was die Leute im Haus gegenüber tun: ‹Mama, jemand ist gekommen. Mama, jemand ist gegangen, Mama ... › Immer schaut er aus diesem Fenster.» Batos ist gesellig, spielt gern mit anderen Kindern. Noch ist an der Signalstrasse 27a in dieser Hinsicht nicht viel los. Aber das dürfte sich in den nächsten Monaten ändern und spätestens, wenn es wieder warm wird, muss Batos seine Sehnsucht nach Nachbarschaft hoffentlich nicht mehr durchs Fenster stillen. Und Simon? Er wird wohl später in den Kindergarten hier im Haus gehen und gehört dann zur ersten Generation echter Erlenmatt-Östler.

Text

Madeleine Voegeli

wortgewandt

 

Fotos

Michael Fritschi

foto-werk.ch

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