Mieterportraits

Rendez-vous

Die Stadtkinder
Rendez-vous No. 4/2018

In unseren Rendez-vous treffen wir Menschen, die in einem Haus der Stiftung Habitat wohnen oder arbeiten. Dieses Mal ist es anders: Das Haus von Norma Tollmann und Isabel Borner ist erst eine Idee. Die beiden Architektinnen haben zusammen mit ihren Partnern den Zuschlag für die Baurechtsparzelle 6 auf dem Areal Lysbüchel Süd erhalten. Anfang 2020 sollen die Bauarbeiten beginnen, Einzug ist im Frühjahr 2021. Das Projekt heisst «Stadtkind Basel».

Der Name ist Programm: Ein Haus für Familien in der Stadt soll es werden. Sechs Wohnungen sind geplant, dazu ein Gemeinschaftsraum und viele Ideen zum gemeinschaftlichen Leben im Quartier. Norma Tollmann und Isabel Borner haben sich mit ihren Familien bewusst für das Leben in der Stadt entschieden. Hier wollen sie ein lebenswertes Umfeld für sich und ihre Kinder gestalten. Eines, in dem alle Wege kurz sind und die Freiräume vor der Tür liegen, in dem Wohnen und Arbeiten nahe beieinanderliegen und die Nachbarn einander nicht gleichgültig sind. Wo die Mieten erschwinglich sind, so dass neben Arbeit, Kindern und Haushalt noch Zeit und Kraft bleibt, etwas für die Nachbarschaft zu tun. Wo man nicht jedes Wochenende wegfahren muss, um sich zu erholen.

Wie wollen wir leben?

In der kleinen Überbauung im Kleinbasel, wo Isabel Borner mit ihrem Mann Jan und drei kleinen Kindern heute wohnt, ist schon vieles so, wie sie es sich wünscht: Es gibt einen gemeinsamen Garten, wo die Kinder unbeaufsichtigt spielen können, und Raum für spontane Begegnungen oder Feiern. «Wir möchten in Kontakt bleiben mit der Welt und uns nicht vollständig in unsere Familie zurückziehen.» Sie weiss, wie anstrengend es sein kann, wenn man täglich zwischen Büro, Kindergarten, Kita und Küche pendelt.

 

Norma Tollmann lebt mit ihrem Partner Knut Maywald seit Jahren an der Elsässerstrasse, in einer grosszügigen Zwei-Zimmer-Altbauwohnung. Ideal für ein junges Paar, ungeeignet für eine Familie mit Kleinkind und Säugling: «Wir sind aus der Wohnung rausgewachsen.» Aber Norma Tollmann mag das St. Johann und möchte im Quartier bleiben – auch wenn ihre Ecke «recht ruppig» ist. Auf dem Markt in Saint-Louis besorgt sie jeden Samstag den Wocheneinkauf, mit Kind und Kegel. «Supermärkte überfordern mich», lacht sie. «Und die Kinder erst recht!»

 

Die beiden befreundeten Paare haben viel darüber diskutiert, wie sie mit den Kindern leben möchten. Alle vier haben Architektur oder Landschaftsarchitektur studiert und verfolgen aufmerksam die Entwicklung neuer Areale in Basel. Und so kam das Projekt der Stiftung Habitat auf dem Areal Lysbüchel Süd genau zum richtigen Zeitpunkt.

«Das sind Leute wie wir!»

Auf der Erlenmatt Ost hat Norma Tollmann erlebt, wie ein Genossenschaftshaus gemeinschaftlich entstehen kann. Sie war Projektleiterin bei Buchner Bründler Architekten für die «Stadterle», ein Haus mit über 30 Wohnungen und mehreren Gemeinschaftsräumen. In jeder Sitzung mit der Baugruppe dachte sie: «Das sind Leute wie wir! Die haben alle einen Job und kleine Kinder und trauen sich ein so grosses Projekt zu.» Es machte ihr Spass, mit der Gruppe Ideen für das Haus auszuarbeiten. Sie lernte aber auch Stolpersteine und Kostentreiber kennen. So keimte langsam die Idee, bei nächster Gelegenheit selber ein Projekt zu starten. Gleichzeitig suchte sie nach einer Möglichkeit, sich als Architektin selbständig zu machen. Deshalb reagierte sie schnell, als die Ausschreibung für die Parzellen auf Lysbüchel Süd publiziert wurde. Ihr Partner und die Borners waren begeistert. Dann ging plötzlich alles ganz schnell: Sie gründete mit Jan Borner ein Architekturbüro, dessen erster Auftrag das eigene Wohnhaus sein wird. Ein Glücksfall.

 

Entscheidend für das Gelingen einer solchen Nachbarschaft sind zahlbare Mieten. «Es kann doch nicht sein, dass beide Eltern Vollzeit arbeiten, nur um sich eine halbwegs familientaugliche Wohnung leisten zu können», findet Norma Tollmann. «So will ich auf keinen Fall leben.» Deshalb wird ihr Haus kostenbewusst geplant: Massivbauteile sind auf das Nötigste reduziert, die Haustechnik ist so einfach wie möglich und klug angeordnet. Der schlichte Innenausbau wird ziemlich roh belassen, so dass die Wohnungen auch später verändert werden können. Zudem sollen die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner auf dem Bau auch selbst Hand anlegen. Das spart nicht nur Kosten, sondern stärkt auch die Identifikation mit dem Haus und schweisst die Hausgemeinschaft zusammen. Ferien auf der Baustelle heisst das Motto der Gruppe.

Text
Janine Kern
wortgewandt
 

Fotos
Michael Fritschi
foto-werk.ch

Unser Haus, euer Haus

Das eigene Umfeld gestalten, Beziehungen pflegen, eine Gemeinschaft aufbauen. Diese Begriffe sind den beiden Frauen wichtig. Durch gemeinsames Tun und Mitwirkung wollen sie sich ihr Haus aneignen. Um Besitz geht es ihnen jedoch nicht: «Wir gestalten das Haus heute zwar nach unseren Ideen, aber eigentlich bauen wir für die Zukunft», ist Isabel Borner überzeugt. Wenn ihre Kinder ausziehen, müssen die Eltern Platz machen für neue Familien. So steht es in den Statuten der Genossenschaft. «Wir wollen, dass das Haus auch nach uns in Familienhand bleibt», hält Norma Tollmann fest. Dafür gehen die Gründerfamilien ein Risiko ein, investieren viel Geld und Idealismus. Die Familien, die in zwanzig Jahren zu noch günstigeren Mieten einziehen werden, werden vom Mut der ersten Generation profitieren. «Das macht uns nichts aus, in zwanzig Jahren haben wir sowieso andere Bedürfnisse», lacht Norma Tollmann. Dann ziehen die ersten Stadtkinder weiter – in ein neues Haus, das die Genossenschaft vielleicht bis dahin gebaut hat. Oder in eine andere Wohnung auf dem Areal. Oder weg aus Basel – wer weiss schon, was in zwanzig Jahren sein wird. Nur die günstigen Familienwohnungen im Lysbüchel Süd sind dann ganz sicher noch da.

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