Mieterportraits

Rendez-vous

Die Beweglichen
Rendez-vous No. 5

In unserem Haus für Studierende auf Erlenmatt Ost wohnen nicht nur 96 junge Leute, hier wird auch getanzt und Theater gespielt: Im Erdgeschoss hat der Kanton Basel-Stadt einen Proberaum für die freie Szene eingerichtet. Die Compagnie Tabea Martin erarbeitet darin ihre neue Produktion «Nothing Left».

Dehnen und entspannen

Es ist Feierabend. Nach einem intensiven Probentag sitzen die acht Tänzerinnen und Tänzer der Compagnie Tabea Martin am Boden und dehnen ihre Beinmuskeln. Die Stimmung ist entspannt, es wird geplaudert und gelacht. Der Schlagzeuger, dessen Instrument am anderen Ende des Raums aufgebaut ist, bespricht ein paar Fragen mit der Choreografin. An der Wand hängen Stimmungs- und Inspirationsfotos für das Bühnenbild, die Betonsäule beim Eingang dient als Flipchartständer, auf zwei Tischen am Fenster liegen Trainingsanzüge, Jacken, Rucksäcke und Laptops wild durcheinander. Man sieht: Hier hat sich die Gruppe für längere Zeit eingerichtet.

 

Möglich ist dies dank der Abteilung Kultur des Präsidialdepartements Basel-Stadt, die Tabea Martin den Proberaum während mehrerer Wochen immer wieder für Proben zur Verfügung stellt. «Das ist grossartig!», sagt Franziska Ruoss, die Produktionsleiterin der Compagnie Tabea Martin. «So können wir jeweils am Abend alles stehen lassen und am nächsten Morgen einfach weitermachen.» Garderoben, Aufenthaltsraum und Tanzstudio sind hier unter einem Dach – auch das keine Selbstverständlichkeit für Tanzschaffende. Die räumliche Nähe ist für den Zusammenhalt der Gruppe sehr förderlich. Das ist besonders wichtig für ein Tanzstück, das stark von den Ideen und Impulsen des Ensembles lebt.

Offenes Training

In der Zeit der Proben sind die Tage klar strukturiert. Der Morgen beginnt mit einem gemeinsamen Aufwärmen, danach wird am Stück geprobt. Die einstündige Mittagspause wird meist gemeinsam verbracht, danach wird bis 17 Uhr weiter geprobt. Jeden Donnerstag findet ein offenes Training mit Gastlehrerinnen und -lehrern statt. Das hält die Tänzerinnen und Tänzer flexibel. Gleichzeitig sind diese «open classes» auch ein beliebter Treffpunkt für die regionale Tanzszene, eine Chance, sich zu vernetzen.

 

Das Stück, das gerade entwickelt wird, heisst «Nothing Left». Es ist der letzte Teil einer Trilogie, die sich mit dem Thema Vergänglichkeit beschäftigt. Darin geht es um die Trauer: Wie gehen wir mit dem Verlust eines nahestehenden Menschen um? Was macht die Trauer mit unserem Körper?

Wie ein Stück entsteht

Am Anfang des Stückes steht die intensive Vorarbeit der Choreografin mit einem Assistenten. In diesem intimen Rahmen entstehen ein Fundus an tänzerischen Bildern und die Idee für das Stück. Der Rest wird in den Proben gemeinsam mit dem Ensemble entwickelt. Das bedeutet viel Improvisation, viel Ausprobieren, Ideen verwerfen, um sie später wiederaufzunehmen. Tabea Martins Stücke wachsen wie ein Puzzle: Aus vielen Einzelteilen wird am Ende das gesamte Bild sichtbar. Im Zentrum ist immer der menschliche Körper in seiner ganzen Kraft und Verletzlichkeit.

 

Am 25. April 2020 feiert das Stück «Nothing Left» am Tanzfestival Steps in der Kaserne Basel Première. Danach geht es auf Steps-Tour durch die Schweiz. Eine Woche davor reist die Gruppe für eine Vorpremiere nach Rotterdam. Bis dahin ist die Signalstrasse 33 ihr Zuhause.

 

Text

Janine Kern

wortgewandt.ch

 

Fotos

Michael Fritschi

foto-werk.ch

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