Mieterportraits

Rendez-vous

Der Spieler
Rendez-vous No. 2/2018

Freddy Thommen empfängt uns mit jugendlichem Strahlen in seiner Werkstatt in der Aktienmühle: rund 50 Quadratmeter Bodenfläche, Schrägdach, Dachbalken, meterhohe Regale mit weiss-blauen Kisten, Werktische an den Wänden und in der Raummitte, Gerätschaften, ein surrender 3D-Drucker, Gussformen, Metallteile, zahllose kleine Lokomotiven und Bahnwaggons in verschiedenen Fertigungsstufen – und eine munter vor sich hin fahrende Spielzeugeisenbahn.

Willkommen in einer anderen Welt

Wir sind am Domizil der TéB – Trains électriques de Bâle. Seit Weihnachten 2016 entwirft und produziert der Maschinenbauingenieur hier unter diesem Label Spielzeuglokomotiven und -anhänger. Keiner von uns zwei Gästen – weder der Fotograf noch die Texterin – hat grosse Ahnung von Spielzeugeisenbahnen, und so beginnt unser Gastgeber ganz ganz vorne.

Wir erfahren nicht nur, wie er zu TéB kam, sondern auch, was Sammler von Spielern unterscheidet, wie Kriegswirtschaft und Spielzeugindustrie zusammenhängen und schliesslich, wie die Geschichte der Spielzeugeisenbahnen einst in England mit Ingenieuren begann, die mit spritbetriebenen Modellen bei Investoren um Geld für den Bau grosser Lokomotiven warben. «Das ist in etwa so meine Welt», sagt er eine gute Stunde später und hat es geschafft, zwei Aussenstehenden die Tür zu dieser Welt zu öffnen.

Etwas Persönliches für den Göttibueb

TéB nahmen ihren Anfang damit, dass Freddy Thommen Pate eines Buben wurde. Ihm wollte er etwas Persönliches auf den Lebensweg mitgeben. «Ich war als Bube ein Eisenbähnler», erklärt er, und damit stand sein Beitrag als Patenonkel fest. Moderne Modellbahnen schienen ihm dazu aber kaum geeignet. «Die sind sehr detailreich und technisch top. Hochtechnisiert bedeutet im Spielbetrieb aber eigentlich langweilig. Wenn etwas weniger technisiert ist, muss man selber viel mehr tun, mehr denken.»

 

Freddy Thommen zeigt auf eine dunkelblaue Lokomotive im Wandgestell. Eines Tages sei sein Nachbar gekommen, habe ihm die alte Lok in die Hand gedrückt und in kernigem Dialekt gesagt: «Lueg, das isch es, die isch schwär, die rumplet und die schteicht nach Schtrom.» Er lacht und langsam verstehen wir, worum es geht: nicht um Modelleisenbahnen, massstabgetreu verkleinerte Wirklichkeit, mit tausend Details bis hin zu echten Seriennummern – das sei etwas für Nietenzähler und Vitrinler. 

Zu diesen Gattungen gehört Thommen nicht. Er ist ein Spieler – wie sich die Eisenbähnler seines Schlages bezeichnen. Ihnen geht es um Berühren, Riechen, um Spielen, Tüfteln und geteilte Leidenschaft. «Dann nahm ich ein paar Loks in die Hände und dachte, ich habe ja Zeit, bis der Göttibueb ins Spielalter kommt.»

 

Zeit wozu? Thommens Lösung war nicht, auf Flohmärkten und Sammlerbörsen zusammenzutragen, was rumpelt und stinkt und Spielwert hat. Er setzte sich am Feierabend hin und begann, mit CAD seine eigenen Träume von Lokomotiven aufzumodellieren. Erst eine, dann eine zweite, und irgendwann fragte er sich: «Wieso baust du die nicht wirklich?»

Einzug der Züge

Zur Aktienmühle kam Freddy Thommen über Dani Jansen im Umfeld des Werkraums Warteck pp. «Komm in die Aktienmühle, hier gibt es etwas Schönes», lockte Jansen, und als der Dachausbau des Werkstatthauses fertig war, zog Freddy Thommen ein. So einfach ging das. Noch sei es im vierten Stock des Werkstatthauses tagsüber einsam, da viele Leute nur sporadisch hier arbeiten. Interessante Kontakte ergeben sich trotzdem. «Der E-Gitarrenbauer im Parterre braucht einen sauberen Raum zum Lackieren seiner Gitarren mit Nitrolack», erklärt Thommen, «und ich auch – vielleicht können wir hier etwas gemeinsam machen.» Gespannt beobachtet er auch die Entwicklungen bei der ebenfalls im Werkstatthaus tätigen Baselbieter Stiftung Öko-Job. «Öko-Job leitet hier ein Projekt für arbeitslose Frauen. Vielleicht finde ich unter ihnen Interessentinnen für TéB-Montagearbeiten. Da kann sich vieles entwickeln.»

An Ideen fehlt es ihm nicht, auch nicht für seine Werkstatt: «Hier mitten im Raum hätte ich gerne eine Eisenbahnanlage, die ich hochziehen und wieder auf den Tisch herablassen kann. Dann möchte ich eine Art Stammtisch mit Besenwirtschaft einrichten. Die Spieler – in der Szene überwiegen die Männer deutlich – könnten ihr eigenes Material mitbringen, fahren lassen und fachsimpeln.» Er weist mit beiden Armen in den Raum und sein Gesicht verrät, wie stark der Wunsch nach mehr Leben ist.

Zum runden Geburtstag der letzte «Zwick»

Das berufliche Umfeld des selbständigen Maschinenbauingenieurs hatte immer wieder Anpassungen verlangt. Sein 60. Geburtstag war, wie er sagt, «der letzte Zwick, nochmals etwas anzufangen», und er rief TéB ins Leben. Den Namen «Trains eléctriques de Bâle» wählte er in Anlehnung an die JEP, die «Jouets de Paris». JEP sind Thommens Lieblinge aus der Zeit bis Mitte der 1950er-Jahre, als jedes europäische Land – mit Ausnahme der Schweiz – seine eigene Spielwaren- und Eisenbahnindustrie hatte.

 

Thommen baut Lokomotiven und Waggons in kleinen Serien von maximal 50 bis 100 Stück. Viele Bestandteile fertigt er selbst. In der Giessereitechnologie sei er immer vorne mit dabei gewesen und konnte aufwendige Giessformen selbst herstellen. In der Schweiz war er der erste, der mit Sand ab 3D-Daten printete. Er zeigt auf ein grau-weisses Gerät, das wie eine Kreuzung von Juke-Box und Wellness-Badekapsel aussieht. «Mit diesem Printer kann ich Giessformen erstellen für alles, was ich will.»

Für TéB arbeitet er mit anderen hochspezialisierten Handwerksbetrieben zusammen, einem Galvaniker in Rudolfstetten zum Beispiel, der ihm in einem weltweit einzigartigen Verfahren die Gehäuse fertigt. Manche Bestandteile, wie die Glockenankerantriebe, kauft er ein. Vieles macht er aber selbst, weil ihm die Fertigteile zu wenig Variationen bieten, Fahrwerke zum Beispiel: «Ich wollte nicht einfach nur ein Fahrwerk – sonst sehen alle Lokomotiven irgendwie gleich aus.» Bei seinen Lokomotiven stehen die manchmal Räder weiter auseinander, manchmal enger. Es gibt grössere Räder, kleinere Räder, mit und ohne Kurbelstange, mit Speichen und ohne.

 

Der Fotograf und ich schauen uns immer wieder staunend an. Die Assemblage von Gerätschaften, Materialien, Werkzeugen und Werkteilen, die uns hier umgeben, birgt unglaubliche Mengen an Erzählungen, Fach- und Verfahrenswissen, Erkundungsdrang und ganz besonders viel, viel Leidenschaft.

Und der Göttibueb?

Text
Madeleine Voegeli
wortgewandt
 

Fotos
Michael Fritschi
foto-werk.ch

 

Klar, dass wir am Schluss wissen wollen, wie es denn nun um den Göttibueb steht. Hat es geklappt mit der Weitergabe von etwas Persönlichem? «Er hat mittlerweile seine eigene Bahn. Aber eigentlich ist er lieber dabei, wenn wir zusammen zu einem Spielertreffen gehen und unsere Bahn dort zusammen richtig gross aufbauen.» Offensichtlich hat es geklappt.

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