Improvisieren und positiv bleiben
Rendez-vous No. 17

Gäbe es einen Preis für Mietende, die während einer Sanierung tapfer in ihrer Wohnung ausharren und dabei das Lächeln nicht verlieren – Linda Mathys hätte ihn verdient. Trotz Gerüst, Staub und Lärm behält sie ihre positive Lebenshaltung und freut sich darauf, dass die acht Wohnhäuser am Riehenring einen Gemeinschaftsraum erhalten werden.

Hindernislauf

Der Weg zu Linda Mathys gibt mir einen kleinen Eindruck vom Leben während der Sanierung: Er führt mich durch den Torbogen bei den Vorderhäusern in die Baustelle des Innenhofs, unter Gerüsten hindurch zu den Hinterhäusern, wo ich die provisorischen Duschen sehe, die in einer Parterrewohnung für die Mietenden installiert wurden. Im abgeklebten Treppenhaus gesellt sich ein Handwerker zu mir, der ebenfalls zu Linda will, um ihr zu beichten, dass ihre Deckenlampe im Flur beim Abnehmen kaputt ging. Ein anderer Handwerker wird später auftauchen, um das WLAN wieder einzurichten.

Heimweh nach den eigenen Sachen

«Sanierung im bewohnten Zustand» nennt sich das, was Linda Mathys erlebt, in abstraktem Architekturdeutsch. Für sie bedeutet es «Sanierung während meiner Anwesenheit». In der intensivsten Zeit zog sie mit ihrem jüngeren Sohn zu ihrem älteren Sohn in dessen 1-Zimmer-Wohnung. «Aber nach sechs Wochen hatte ich Heimweh und vermisste meine Sachen», erzählt sie. Also kehrte sie in ihre Wohnung zurück, in der Küche und Bad komplett ersetzt wurden und somit nicht benutzt werden konnten. Das bedeutete, dass sie die Wohnung verlassen und ins übernächste Haus laufen musste, um zu duschen und auf Toilette zu gehen.

Daran knüpft eine Geschichte an, über die Linda nachträglich lachen kann: Die Mietenden hatten die Möglichkeit, eine Trockentoilette anzufordern. «Irgendwie hatte ich das nicht mitgekriegt. Eines Tages stand ein seltsames Gerät in meiner Wohnung, als ich nach Hause kam. Ich hatte keine Ahnung, was das sein könnte, und ignorierte es», berichtet sie lebhaft. «Erst meine Nachbarin klärte mich Tage später auf, dass das eine Toilette war.» Auch einen Ersatzkühlschrank nahm sie nicht in Anspruch und nutzte den eingerüsteten Balkon zum Kühlhalten der Lebensmittel. Zum Kochen verwendete sie ihren Airfryer. Die Kunst des Improvisierens beherrscht sie locker.

Gute Nachbarschaft hilft

An die Gerüste vor allen Fenstern hat sich Linda mittlerweile gewöhnt und kommentiert auch diese Situation mit Humor: «Ohne Rollläden brauche ich morgens keinen Wecker.» Natürlich gab es auch Mühsames: enorm viel Staub – und damit verbunden viel Putzarbeit. Kein Ausschlafen an den arbeitsfreien Tagen während der Woche. Einmal war der abgegebene Wohnungsschlüssel nicht mehr auffindbar. Manchmal stand die Wohnungstür offen, wenn sie nach Hause kam.

«Insgesamt hätte ich mir mehr Informationen gewünscht», merkt Linda an. «Zum Glück hat mich meine Nachbarin immer wieder informiert. Für sie war die Situation schwerer zu ertragen, weil sie ihre Katzen während der Sanierung anderswo unterbringen musste.»

Linda berichtet sachlich, ohne klagenden Unterton. Es ist ihr wichtig zu erwähnen, dass die Handwerkenden und alle Beteiligten immer freundlich waren. Grundsätzlich versucht sie, die positive Seite der Dinge zu sehen, auch in ihrer Biografie. Dass sie ihre Lehre als Fachfrau Gesundheit (FaGe) kurz vor dem Abschluss abbrechen musste, weil sie damals in einer schwierigen Lebenssituation steckte, kommentiert sie ohne Bitterkeit. Bald wird sie die FaGe-Nachholbildung beginnen. «Diesmal wird es einfacher für mich sein, weil ich Vieles schon gelernt habe und an meinen Arbeitsstellen im Pflegeheim und jetzt bei der Spitex anwenden konnte.» Ihre grosse Leidenschaft gehört dem Sport. Sie joggt und geht täglich ins Gym. Begeistert sagt sie: «Das ist meine Me-Time!»

Raum für Gemeinschaft

Zurück zur Sanierung: Sie betrifft nicht nur die Küchen und Bäder, die Fassade und die energetische Optimierung der acht Wohnhäuser. Darüber hinaus werden neue Balkone, ein Gemeinschaftsraum und neue Wohnungen geschaffen. Dazu wird der Estrich ausgebaut, werden Hobbyräume zum Wohnen umgebaut und Wohnungen zusammengelegt. Linda wohnte vorher im vierten Stock zwei Hausnummern weiter – und war von dieser Umgestaltung betroffen. «Es war ein Schock für mich, als die Stiftung das Gespräch mit mir suchte und von der Kündigung sprach», erzählt sie. «Doch sie hatten an alles gedacht, boten mir eine andere Wohnung an und unterstützten mich beim Umzug. Die Stiftung ist sehr sozial.» Eine neu sanierte Wohnung lockte sie, auch wenn sie keine Lust hatte, mit zwei Kindern umzuziehen. In der alten Wohnung war es im Winter kalt und im Sommer heiss. Ihrem älteren Sohn gab der Umzug den Anstoss, auf eigenen Beinen zu stehen und auszuziehen. Auch ihm bot die Stiftung eine Wohnung an: im Wohnhaus Weinlager im Lysbüchel Süd.

Bald ist die Sanierung für Linda überstanden. Sie freut sich über das neue Bad in Blautönen, die fast fertige Küche, die ersetzte Wohnungstür und besonders über den neuen Boden im Gang, den sie nicht erwartet hatte. Und das Beste kommt erst: «Der Innenhof wird schön! Toll finde ich, dass es einen Gemeinschaftsraum geben wird.» 

 

Würde sie eine Sanierung in bewohnten Zustand nochmals in Kauf nehmen? Zuerst kommt ein dezidiertes «Nein!». Dann relativiert sie: «Nur, wenn es meine absolute Traumwohnung wäre, in der ich langfristig bleiben möchte.» Aber eigentlich träumt sie einen ganz anderen Traum: Sie wünscht sich ein Häuschen im Elsass – mit Garten und Hund.

 

Wohnhäuser Riehenring 189 bis 195a

 

Text

Claudia Bosshardt

wortgewandt.ch

 

Fotos

Michael Fritschi

foto-werk.ch

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